Bolivien allgemein PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von: Stefan Gurtner   

Artikel aus dem Jahr 2000 für eine Schweizer Zeitschrift

Um zu verstehen, was es mit dieser Straßenkinderproblematik auf sich hat, müssen wir zuerst ein wenig die soziale und wirtschaftliche Lage Boliviens betrachten. Bolivien liegt im Herzen Südamerikas, 70% der Bevölkerung, größtenteils Abkömmlinge der Aymara- und Quechuaindianer, leben in den Hochtälern und auf dem sogenannten "Altiplano", einem kargen Hochland auf einer Höhe von 3800-4100 m. Nach der blutig erkämpften Unabhängigkeit vom spanischen Kolonialreich 1825 erlitt das Land immer wieder schwere Rückschläge durch Militärputsche und Kriege. Die Wirtschaft, anfänglich auf Landwirtschaft und Bergbau gestützt, konnte unter Naturkatastrophen, Misswirtschaft und Korruption nur schlecht gedeihen. Die kleine Oberschicht, weiße Nachfahren der spanischen Herren, interessierte sich stets nur für ihren eigenen Vorteil und wirtschaftete nur in die eigenen Taschen. Die letzte große Katastrophe stellten der Zusammenbruch der Zinnpreise auf dem Weltmarkt und die damit verbundene Entlassung von Zehntausenden von Minenarbeitern dar. In den letzten Jahren ist die Wirtschaft immer stärker in Abhängigkeit der Kokainproduktion geraten. Ein großer Teil der Wirtschaft hängt heute noch davon ab, hauptsächlich durch Geldwäscherei , was dem Land natürlich wieder schwerste interne und externe Konflikte beschert.

Die beschriebenen Umstände machen verständlich, dass Hunderttausende von Menschen vom ausgedörrten Land, auf der Suche nach einem besseren Leben, in die großen Städte strömen. Aber auch in den Städten gibt es keine Arbeit. Größtenteils versuchen sich die Leute als fliegende Händler, Handwerker, Künstler, Schuhputzer, Autowäscher und Bettler über die Runden zu kommen. Jahrtausende alte soziale Bräuche und Sitten brechen zusammen und werden buchstäblich von der Stadt verschlungen - und plötzlich finden sich 6- oder 7-Jährige auf der Strasse wieder, weil ihre Familien sie nicht mehr ernähren können.