Namensgebung PDF Drucken E-Mail

Die Theatergruppe unserer Wohngemeinschaft war zu einem kulturellen Programm zum zwanzigjährigen Jubiläum der Colonia Piraí eingeladen worden. Die Colonia Piraí ist eine Farm in der Nähe von Santa Cruz, im Amazonas-Tiefland und arbeitet mit mehreren hundert sozial benachteiligten Kindern und Jugendlichen in einem landwirtschaftlichen Ausbildungsprojekt. Unsere Theatergruppe war zahlenmäßig gewachsen und bestand nun aus Sixto, Eduardo, Bernabé, Jesús, Abel, Freddy, Ricardo, Braulio und Santos. Am Morgen vor der Aufführung fragte uns der Verantwortliche für die Programmgestaltung, wie denn unsere Gruppe eigentlich heiße.

„Wir heißen...", fing Sixto mit seiner näselnden Stimme an, verstummte aber und schaute fragend in die Runde. Schweigen war die Antwort. „Das müssen wir noch besprechen, ja?

Also setzten wir uns zusammen und besprachen, wie unsere Gruppe heißen sollte. „Wir können sie nach unserem Heim nennen", schlug Santos vor. Er war einer der Neuen der Gruppe und lispelte noch stärker als vorher Douglas, was ihm die Theaterarbeit erschwerte. „Meine Damen und Herren, die Theatergruppe des Heims für---!"

„Das ist doch kein Name für eine Theatergruppe", protestierte Eduardo. Vielen war der Name der Wohngemeinschaft ohnehin peinlich, und wir hatten schon darüber gesprochen, sie umzutaufen. Einen Moment herrschte Schweigen, dann krähte Jesús: „Wir könnten uns das Nadelöhr nennen, das klingt gut." Sein Gesicht war mit Mückenstichen übersät.

„Oder das Nadelauge, das klingt noch besser", fügte Ricardo hinzu. Ricardo war wie Abel ein Mischling und nicht so dunkelhäutig wie die anderen. Sein Vater hatte ihn in die Wohngemeinschaft gesteckt, weil er mit seinen knapp vierzehn Jahren große Alkoholprobleme hatte. Er war der einzige, dessen Eltern für seine Behandlung bezahlten.

„Warum Nadel?" fragte Jesús gereizt.

„Weil wir... mit unseren Stücken stechen, das ist doch klar."

„Dann könnten wir uns ebenso gut Schmetterlinge nennen, weil wir mit unseren Ideen fliegen", spottete Freddy.

„Schmetterlinge... warum eigentlich nicht, Mann?" fragte sich Bernabé.

„Wenn ihr einen Namen gefunden habt, verständigt ihr mich. Ich habe noch viel Arbeit," sagte der Verantwortliche für das Programm und ging lächelnd.

„So ein Humbug!" ärgerte sich Abel. „Nun stehen wir schön blöd da!"

„Kannst Du vielleicht etwas anderes vorschlagen?"

Erneut herrschte eine Weile Schweigen. Von draußen waren die Hammerschläge der Arbeiter zu hören, die die Bühne aufbauten. Außerdem sah man durchs Fenster Jugendliche, die die unteren Hälften der Baumstämme und die Steinränder der Wege mit Kalk weiß strichen. Andere schnitten Gras und wieder andere spritzten im Hintergrund bei den Ställen Schweine und Kühe ab. Am Tag des Jubiläums sollte die Farm auf Hochglanz gebracht werden.

„Es müsste etwas Rassiges sein, das den Mädchen gefällt", sagte dann Abel mit träumerischen Augen. „Zum Beispiel könnten wir uns die Machos nennen."

„Seit wir hier sind, denkst du nur noch an Mädchen", sagte Ricardo ärgerlich. Er litt besonders unter der herrschenden Hitze und der Schweiß lief ihm ständig in Strömen übers Gesicht. Normalerweise waren er und Abel die besten Freunde, wohl, weil sie nicht aus dem-selben Milieu stammten wie die anderen.

„Das ist nicht wahr", verteidigte sich Abel.

„Du bist nur neidisch, weil mir die Mädchen nachschauen!"

„Natürlich stimmt es!" quietschte Braulio dazwischen. Er hatte eine breite Unterlippe und wurde deshalb von den anderen „Frosch" genannt, was ihn schrecklich ärgerte. „Sogar im Schlaf sprichst du von dieser Natalia."

„Schweig, du elender Frosch!"

Braulio stürzte weinend aus dem Raum.

„Klar doch, du hast dich in Natalia verguckt", provozierte Ricardo währenddessen weiter. „Glaubst du, dass wir keine Augen im Kopf haben?"

Natalia war ein hübsches Mädchen, das in der Colonia Piraí wohnte.

„Du bist ein Lügner!" schrie Abel.

„Du, sag das noch mal!" schrie Ricardo zurück.

„Verdammter Lügner!"

Und bevor wir uns versahen, hatten sich die Freunde Abel und Ricardo mit schwingenden Fäusten aufeinander gestürzt. Als sie von den anderen getrennt wurden, hatten beide ein blaues Auge. Abel auf der rechten Seite, Ricardo auf der linken Seite - und die Gruppe hatte noch immer keinen Namen.

„Was spielt es für eine Rolle?" tröstete Eduardo. „Treten wir halt ohne Namen auf, bevor es noch mehr blaue Augen gibt."

Wir trennten uns und jeder bereitete seine Sachen für die abendliche Aufführung vor. Als die Sonne untergegangen war und die Mücken aus dem schwarzen Urwald an den Ufern des gelbschlammigen Piraíflusses schwärmten, begann das lang erwartete Programm. Zweihundert Jungen und Mädchen drängten sich vor der Bühne im Hof, die Schweinwerfer gingen an. Reden wurden gehalten, verschiedene Musikgruppen traten auf, Gedichte wurden aufgesagt und dann kamen wir dran.

„Und jetzt, meine Damen und Herren, die Theatergruppe aus El Alto", schepperte die Stimme des Ansagers durchs Mikrofon, und an uns hinter dem Vorhang gerichtet: „Na, was habt ihr denn für einen Namen gewählt? Nadelauge oder Schmetterlingsauge?"

Das Publikum lachte. Es schien, dass es uns, die blöden Bergler, auslachte. Da verzog Abel beleidigt das Gesicht, trat kurzerhand mit seinem blauen und geschwollenen Auge auf die Bühne und sagte, ohne mit einer Wimper zu zucken: „Weder Nadelauge noch Schmetterlingsauge - blaues Auge!"

Die Reaktion des Publikums war ungeheuerlich, wir mussten mehrere Minuten warten, bis das Gelächter, der Applaus und der Lärm der stampfenden Füße abgeklungen war. Es spielte gar keine Rolle mehr, was und wie wir es spielten, der Erfolg war mit den beiden „blauäugigen" Hauptdarstellern gesichert.

Böse Zungen behaupteten später, dass sich Abel und Ricardo nur geprügelt hätten, weil beide in die schöne Natalia verliebt gewesen seien und der Streit nichts mit dem Namen der Theatergruppe zu tun gehabt hätte - aber die Legende vom „Blauen Auge", vom Ursprung des Namens, den unsere Theatergruppe zukünftig tragen sollte, war geschaffen.