INTERVIEW MIT LUCIO – eine Erfolgsgeschichte PDF Drucken E-Mail

Lucio, könntest du ein wenig von deiner (Ursprungs-)Familie erzählen?

Meine Heimatgemeinde liegt an der Grenze zwischen den Departamenten von La Paz und Cochabamba. Es ist eine abgelegene Gemeinde, wo es keine öffentlichen Dienstleistungen wie Strom oder Wasser und  auch keine Transportmittel gab. Die Schule ging nur bis zur 5. Grundschulklasse. Es war ein verwahrloster Ort ohne Zukunft. Seit ich mich erinnern kann, hat mein Vater regelmäßig getrunken,  meine Mutter geschlagen. Er war verantwortungslos und kannte kein Pflichtbewusstsein. Zurzeit wohnt er in La Paz, ist inzwischen 86 Jahre alt und bis heute verstehe ich mich nicht mit ihm. Ich glaube, dass er erst kürzlich aufgehört hat zu trinken. Ein Grund mag sein, dass er jetzt alleine lebt, denn meine Mutter ist vor zwei Jahren verstorben. Meine Mutter hat viel durchmachen müssen (der Grund war mein Vater), aber sie war eine tüchtige Frau und sorgte immer für mich, solange ich zuhause wohnte. Meine Mutter hat mich geliebt, das ist unbestritten, und sie fand, dass ich liebevoll, fleißig und intelligent bin. Ich habe noch zwei ältere Schwestern und auch einen älteren Bruder. Keiner von ihnen konnte studieren. Im Gegensatz zu mir haben sie nur die ersten Grundschuljahre abgeschlossen.

Wer hat dich auf Tres Soles aufmerksam gemacht  und in welchem Alter bist du zu Tres Soles gekommen?

Ich habe Bleche in einer Bäckerei geschrubbt und musste Salteñas (Teigtaschen) in dem Stadtviertel verkaufen, wo sich Tres Soles niedergelassen hatte. In dieser Bäckerei lernte ich einen Jungen, Federico, kennen. Er kannte Tres Soles und brachte mich dorthin. Ich war damals ungefähr 13 Jahre alt.


Wie hast du es geschafft, dich an das Leben und an die Regeln in Tres Soles zu gewöhnen?  


Die Regeln waren für mich nicht so ein großes Problem, vielmehr war es schwierig für mich in einem Umfeld zu leben, wo in jener Zeit Diebstähle, Prügeleien und Drogen zur Tagesordnung gehörten. Das Schlimmste war, dass ich das Zimmer mit Jungen teilen musste, die Benzin schnüffelten. Manchmal musste ich mich, aus verschiedenen Gründen, mit den Fäusten gegen sie wehren. Es war jedoch auch ein schönes Gefühl, zu einer Gruppe zu gehören. Außerdem gab es viel Sport, einige Werkstätten, Tanz in der Diskothek. Durch die älteren Jungs habe ich mich sogar auf der Straße sicher gefühlt, denn einige von ihnen waren sehr „mutig“!

 

Wie hast du die Übernahme von Eigenverantwortung erlebt?


Auf Grund meiner Ausbildung, meiner Gedanken, die ich mir über die Lehren des Lebens gemacht habe, meiner Fehler und nötiger Korrekturen, meiner Einschränkungen und Leiden, formte sich in mir der Wunsch, jemand zu werden, der anerkannt ist, zunächst auf persönlicher Ebene, dann was meine Frau und meine Kinder anbetrifft und letztlich auch in meiner Arbeit, in der Gesellschaft, in meinem eigenen Land. Der Mensch existiert nur wirklich, wenn er sich für die Menschen und seine Umgebung verantwortlich fühlt.

 

Welches ist das schönste Erlebnis, an das du dich während deiner Kinder- oder Jugendzeit in Tres Soles erinnern kannst?


Meine Kindheit war vom Sport bestimmt. In meiner Jugendzeit hatte ich bereits Verantwortung für die Gruppe übernommen, auch wenn es vielleicht nicht immer so bedeutsam war. Eine sehr schöne Erinnerung ist die Reise, die wir mit der Theatergruppe nach Deutschland und in die Schweiz gemacht haben.

 

Wie ging deine Ausbildung nach dem Schulabschluss weiter?


Nach dem Abschluss der Schule und meiner Elektrikerlehre habe ich den Militärdienst absolviert. Nach Beendigung des Dienstes sagte ich mir, dass es nützlich wäre, zu Studieren. Zuerst dachte ich an ein Jurastudium. Manchmal zog ich mir einen Anzug an und spazierte durch Gebäude, in denen sich Büros befanden, und stellte mir vor, Anwalt zu sein. Während meines letzten Schuljahres habe ich in einem Fotokopierladen ausgeholfen. Unter den Kunden waren viele Jurastudenten. Ich glaube, das war der Grund, weshalb ich Jura studieren wollte.

 

Was ist das Beste, was Guisela, Stefan, die Erzieher und Betreuer dir in Tres Soles vermitteln konnten?

 

Von den vielen Dingen, die mir Stefan und Guisela vermittelt haben, gehören sicherlich zu den wichtigsten Geduld und Beharrlichkeit, mit der sie die Kinder und Jugendlichen begleiten. Dieselbe Geduld und Beharrlichkeit haben sie auch mir gegenüber bewiesen, das ist der Grund, warum ich ihnen gegenüber immer loyal sein werde. Von Stefan habe ich außerdem gelernt, ebenso im Studium an der Universität, dass ein Projekt wie Tres Soles nicht aufs Geratewohl geführt werden kann, sondern dass es wichtig ist, dass es als legale Einrichtung innerhalb eines verantwortlichen Staates eingebunden sein und eine Struktur  haben muss, zu der eine Vision, eine Mission, eine Philosophie sowie Methodik und Aktivitäten gehören. Ich möchte erwähnen, dass ich auch von anderen Betreuern viel gelernt habe, etwa Teamarbeit, die Fähigkeit die Familie mit der Arbeit zu verbinden, die Bereitschaft, immer für die Kinder und Jugendlichen da zu sein, wenn es nötig ist.

 

Wie kam es, dass du wieder nach Tres Soles zurückgekehrt bist?


Nach meiner Rückkehr aus dem Militärdienst habe ich erst in einer Autowerkstatt gearbeitet. Wie erwähnt, hatte ich den Wunsch, Jura zu studieren. Mein Plan war, zu studieren und gleichzeitig zu arbeiten, um für mich sorgen zu können. Stefan und Guisela boten mir jedoch an, in dem neuen Haus in Cochabamba die Elektroinstallation durchzuführen, da die Wohngemeinschaft dorthin umziehen wollte. Ich habe den Vorschlag angenommen und neben der Arbeit an der Universität von Cochabamba einen Vorkurs gemacht, allerdings in Psychologie. Als ich die Aufnahmeprüfung bestanden hatte, beantragte ich dann eine Unterstützung von Tres Soles, da Tres Soles ein Hilfsprojekt ist, dass Jugendliche bei ihrer Ausbildung unterstützt. Ich glaube, dass ich bis zum zweiten Jahr Unterstützung erhielt, danach konnte ich meine Kosten als Wochenendbetreuer in Tres Soles decken.

Wie sieht deine Aufgabe in Tres Soles heute aus?


Meine Aufgabe gefällt mir sehr. Ich nehme die Rolle eines Vaters ein und gleichzeitig kann ich meine Fachkenntnisse in Psychologie einbringen. Es gibt viel Schönes, aber auch Trauriges und Schreckliches. Mir macht es Spaß, mit Kindern und Jugendlichen zu arbeiten. Interessant ist auch der Austausch mit den verschiedenen Betreuern und den jungen Freiwilligen.

 

Sollte sich Tres Soles verändern? Hast du einen Traum wie Tres Soles in Zukunft aussehen könnte?


Wenn es eine Möglichkeit gäbe, wäre es hilfreich, die Arbeit in drei Etappen zu unterteilen, mit einer insgesamt größeren Anzahl von Bewohnern. Es wären dann drei getrennte Häuser, eines für Kinder, ein zweites für Jugendliche und ein drittes für junge Erwachsene mit eigenen, handwerklichen Werkstätten für eine Berufsausbildung, mit der Möglichkeit, später ein Universitätsstudium anzuschließen.

 

Was würdest du deinem Staatspräsidenten Evo Morales gerne sagen?


Wenn er mit Nichtregierungsorganisation (NGOs) wie Tres Soles nicht einverstanden ist, soll die Regierung die Verantwortung für diese Kinder übernehmen, mit denselben finanziellen Mitteln und mit derselben Betreuungsqualität wie es in Tres Soles der Fall ist. Man darf die Realität, ganz besonders die hohe Armutsrate, die in Bolivien immer noch herrscht, nicht unter den Tisch kehren. Die Armut erzeugt Probleme und Bedürfnisse, die die Möglichkeiten einer Familie und des Staates übersteigen. Die verschiedenen Fachleute und Menschen, die in Einrichtungen wie Tres Soles arbeiten, sind wichtig, um den betroffenen Menschen helfen zu können und Lösungen zu finden.
Leider haben die Verantwortlichen der staatlichen Stellen nie Interesse gezeigt, unsere Arbeit zu unterstützen. Die Regierung, die angetreten ist, um die Armut zu bekämpfen, hat nie einen einzigen finanziellen Beitrag für die Arbeit in Tres Soles geleistet.
Meiner Meinung nach hat die Regierung von Evo Morales Recht, wenn sie denkt, dass die Nichtregierungsorganisationen gegen sie konspirieren könnten. Es sind jedoch nicht alle so - und gerade im Fall von Tres Soles irrt sie sich völlig, denn diese Einrichtung widmet sich ausschließlich der Bildung und Unterstützung von mittellosen und verlassenen Kindern und Jugendlichen. Aus diesem Grund müsste man den Gründern und allen Mitarbeitern von Tres Soles eine Anerkennung zukommen lassen.


Vielen Dank für dieses Interview. Deine Antworten erfreuen alle Menschen, die Tres Soles schon seit langem unterstützen und dies weiterhin tun.
Die Fragen stammen von Ursula und Walter Köhli. Walter Köhli ist Präsident des Trägervereins Tres Soles in der Schweiz. Die Übersetzung ist von Stefan Gurtner.