Interview mit Guisela Gurtner Drucken

Wie die meisten wissen, war Stefan 2017 während seiner Tournee auch in Spanien und hat über Esther und Andreas Keller viel Unterstützung erfahren. U.a. kam es zu der Idee, ein Interview mit Guisela für das spanische Frauenmagazin „Introversión“ (hohe Auflage) zu machen. Das Interview, das im November 2018 gemacht wurde, steht unter der Rubrik mit dem passenden Namen „Heroínas“ (Heldinnen)!

Heldinnen

Von Anna T. Farran (die Fotos wurden von der Interviewten zur Verfügung gestellt)

An eine bessere Welt glauben
Guisela, Co-Leiterin des bolivianischen Projekts Tres Soles

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Seit über 29 Jahren existiert Tres Soles, ein Projekt, das Straßenkinder, seien sie Waisen oder nicht, aufnimmt, um ihnen Erziehung und ein Dach über dem Kopf zu geben. Mit der Zeit ist es gewachsen und hat sich gefestigt, indem es stetig sein Konzept und seine Arbeitsformen perfektioniert hat.
Guisela, die Co-Leiterin, ist die alma mater dieser Nichtregierungsorganisation, sowohl im wörtlichen als auch metaphorischen Sinn, die im wahrsten Sinne Körper und Seele der Projektbewohner nährt -zusammen mit einem Psychologen; und diese Organisation ist bis zu diesem Zeitpunkt in Spanien weitgehend unbekannt, trotz der enormen und wertvollen menschlichen Arbeit, die dort geleistet wird.
Ich habe nicht das Glück gehabt, sie persönlich kennenzulernen, aber ich glaube, dass Guisela, neben einem großen Herzen, kraftvoll und zärtlich ist, beharrlich bis zum Erreichen ihrer Ziele, klein von Statur, aber stark und zäh. Vielleicht hat es etwas damit zu tun, dass sie das fünfte Kind ihrer Mutter und das achtzehnte ihres Vaters war. Schon als kleines Kind lernte sie von ihrer Mutter, was Teilen und Glauben an eine bessere Welt bedeutet. “Aber du musst es auch wirklich wollen”, sagte ihre Mutter immer zu ihr. Und Guisela will es wirklich und arbeitet hart, um es zu erreichen.


V: Wie kam es zu dem Namen Tres Soles?
G.F.: Den Namen haben die Kinder gewählt. Für mich ist das ein perfekter Name. Ich denke auch, dass es mit allem Dagewesenen bricht, sich drei Sonnen vorzustellen.
V: Haben Sie dieses Projekt gegründet? Seit wann und warum machen Sie mit?
G.F.: Eines Tages traf ich einen Verrückten, der an eine bessere Welt glaubte und der wusste, dass die Träume wahr werden, wenn man sich daran macht, diese Welt aufzubauen, von der man träumt. Es war ein Typ, in den man sich auf den ersten Blick unsterblich verliebt. Er hatte schon begonnen, die Arbeit mit den Straßenkindern zu strukturieren. Als ich sah, wie er sich voller Zuneigung, auf Kosten der eigenen Bequemlichkeit, um sie kümmerte, beschloss ich, ihm dabei zu helfen. Stefan ist heute mein Mann. Er ist einer derjenigen Menschen, die fähig sind, Träume Realität werden zu lassen.
V: Woher kommen diese Kinder? Sind es Waisenkinder oder wurden sie einfach verlassen? Wie kommen sie zu euch?
G.F.: Unsere Jungen und Mädchen sind das Resultat einer gleichgültigen und grausamen Gesellschaft. Fast 80% von ihnen haben Mutter oder Vater, aber sie kümmern sich nicht um sie. Der Rest sind Waisen. Sie kommen zu uns über das bolivianische Servicio Departamental de Gestión Social (SEDEGES), was dem Jugendamt entspricht. Das Mindestaufnahmealter liegt bei fünf Jahren. Wir versuchen Geschwistern den Vorzug zu geben, damit die Familien nicht noch mehr auseinander gerissen werden.
V: Ich stelle mir vor, dass diese Kinder schwierig sind. Wie schaffen Sie es, dass sich die Kinder an die Wohngemeinschaft gewöhnen?
G.F.: Es handelt sich um misshandelte, von ihren Familien ausgeschlossene Kinder. Wenn sie zu uns kommen, können sie oft nicht glauben, dass wir sie mit offenen Armen empfangen und wir ihnen die Chance geben wollen, die ihnen ihre Eltern verweigert haben. Der Fokus unserer Arbeit liegt auf der persönlichen Betreuung, die sie bei uns erhalten. Da die Gruppen nicht zu groß sind, funktionieren wir wie eine große Familie. Wir geben ihnen ihre Rechte zurück und kümmern uns zuerst um ihre geistige Gesundheit. Auch verwöhnen wir sie ein bisschen, denn immer haben wir ein Lächeln für sie bereit. Im Grund geben wir ihnen praktisch alles, was ihnen ihre Herkunftsfamilien nicht geben konnten. Wir behandeln sie mit Respekt, das macht den Unterschied zu anderen Einrichtungen. Für uns sind es erwünschte Kinder.
V. Sie fühlen sich sozusagen Mutter von allen…
G.F.: Wenn Sie mich fragen, ob ich sie liebe, ist die Antwort ein klares “Ja”. Ich liebe sie von ganzem Herzen. Vielleicht ist es schwierig, meine Position zu verstehen, aber manchmal glaube ich, dass ich mehr erhalten habe als das, was ich menschlich geben konnte.
V. Wie viele Kinder betreuen Sie im Moment?
G.F.: In der Kinder- und Jugendwohngemeinschaft Tres Soles sind es 21 Jungen und Mädchen und im Studenten- und Lehrlingsheim 22 junge Erwachsene.
V. Wie ist die aktuelle Lage von Tres Soles?
G.F.: Persönlich bin ich etwas traurig über die aktuelle Lage, da der Staat Bolivien eigentlich verantwortlich für diese Jungen und Mädchen ist, aber wir von ihm nicht einmal einen Lebensmittelzuschuss bekommen. Die vorherigen Regierungen ließen uns wenigstens in Ruhe arbeiten, aber jetzt nicht einmal das. Wir haben nicht die mindeste Garantie, weiterarbeiten und auf bessere Tage für unsere Solesianerkinder hoffen zu können. Arbeitsplätze gibt es praktisch nicht und die wirtschaftliche Lage ist sehr unstabil. Der Gipfel ist, dass man verneint, dass es überhaupt noch Armut in Bolivien gibt. Das Schlimmste ist, dass wir eine vom Staat unerwünschte Nichtregierungsorganisation sind, obwohl wir die ganze Verantwortung für etwas übernehmen, das der Staat übernehmen müsste. Nicht nur, dass uns diese Regierung nicht hilft, sondern sie setzt auch alles daran, um uns Knüppel zwischen die Beine zu werfen.
V. Wie gestalten Sie Ihre Arbeit und woher kommen die finanziellen Mittel?
G.F.: Tres Soles funktioniert als Aufnahmestelle mit familiärem Ambiente. Unser Ziel ist es, dass “unsere” Kinder ihre Ausbildung abschließen und sie als nützliche Mitglieder in die Gesellschaft zurückkehren. Die Unterstützung endet also nicht mit dem Erreichen der Volljährigkeit, sondern wird bis zu einer erreichten Berufsausbildung weitergeführt. Was die finanziellen Mittel betrifft, muss man die wertvolle Unterstützung unterstreichen, die wir von vielen Menschen, die ebenfalls an eine bessere Welt glauben, erhalten. Es sind Spender, die sich in einer Kirchengemeinde in Deutschland organisiert haben und die uns von Anfang an unterstützen. Auch in der Schweiz, wo mein Mann herkommt, gibt es unermüdliche Helfer. So konnten wir das Projekt Schritt für Schritt aufbauen und zu dem Punkt gelangen, wo wir uns heute befinden. Ebenso erhalten wir einige Stipendien für die Berufsausbildung von der Fundación Maite Iglesias, ausserdem gibt es einige Freunde in Sant Cugat del Vallès (Barcelona), die mithelfen, aber der größte Teil der Geldmittel kommt aus Deutschland und der Schweiz. Aus Deutschland kommen auch jährlich zwei Freiwillige. Dazu zähle ich auch Gertraud Friedrich, eine 79-jährige Freiwillige, die Gold wert ist. Sie ist meine Heldin genau wie meine Mutter.
V: Was ist das Härteste an Ihrer Arbeit?
G.F.: Sich die furchtbaren Geschichten vorzustellen, die diese Kinder erleben mussten, beginnend meistens schon mit einer sehr schwierigen Zeit im Mutterleib. Opfer von so viel Lieb- und Verantwortungslosigkeit in so frühem Alter zu sein, hinterlässt unverwischbare Spuren in ihnen. Was man auch unternimmt, diese Erlebnisse machen sie zu dem, was sie sind.
V: Erzählen Sie mir eine Anekdote, eine Situation oder einen Moment, der Sie besonders beeindruckt hat und den Sie nie wieder vergessen werden.
G.F.: Ich trage in meinem Herzen Teo. Schon als er klein war, half er überall mit, war sehr verantwortungsbewusst. Ich erkannte schon früh in seinem lebendigen Blick die Kraft, die Beharrlichkeit und die Anstrengung, die er bereit war, auf sich zu nehmen, um seine Ziele zu erreichen. Als er heiratete, benahm er sich wie ein beispielhafter Sohn. Heute ist er ein vorbildlicher Vater, hat eine stabile Familie und ist pädagogischer Leiter eines Berufsbildungsinstituts. Einmal kam eines “meiner” Kinder zu mir und bat mich, ihm die Hose zu flicken, die zerrissen war. Ich sagte ihm, dass ich gerade Besuch und im Moment keine Zeit hätte. Sofort sagte Teo: “Komm, mein Freund, ich erledige das…” Das hat mich sehr glücklich gemacht. Für solche Augenblicke lebe ich, darum habe ich gesagt, dass ich so viel von ihnen erhalte.
V: Sie fühlen also, dass diese Kinder ihr Lebensinhalt sind?
G.F.: Sie sind mein Leben, sie haben meiner Existenz einen Sinn gegeben. Sie haben meinem Leben in jedem Moment Farbe und Würze gegeben. Es erfüllt mich sehr, das Leben von so vielen jungen Menschen begleitet zu haben: Faustina, Silvia, Patricia, Sonja, Gladys und meine “Söhne”, -die meisten heute schon erwachsen-, das werden immer Braulio, José, el Osito, el Bautista und Wilmer bleiben… Sie haben ihren Weg gefunden, sie haben sich angestrengt, um ihre eigenen Kinder glücklich zu machen. Es sind Menschen, die meine Bewunderung verdienen, auf die ich super stolz bin, genauso wie auf Stefanie und Isabel, meine leiblichen Töchter, die mir immer viel Verständnis entgegengebracht haben.

Nachfolgend ist der Link aufgeführt, um sich das gelungene Interview im Original anschauen zu können:
http://www.v-introversion.com/flipbook/iv54/index.html#12

guisela fertig